
Ein Oldie erzählt: Schiffe der Antike
24. April 2026Zukunftsfragen der Binnenschifffahrt, Teil 2

von Roland Blessinger, Mitglied Geschäftsleitung der Schweizerischen Rheinhäfen und Sachverständiger in verschiedenen Ausschüssen und Arbeitsgruppen der ZKR und CESNI.
Die Fernsteuerung und Automatisierung in der Binnenschifffahrt ist keine Zukunftsvision mehr – sie findet bereits statt. Deshalb bildet sie hier den Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen. Aufbauend auf den jüngsten Diskussionen zu den Zukunftsfragen der Binnenschifffahrt (SVS aktuell vom 24. Februar 2026, Teil I) sollen nun im Teil II die infrastrukturellen und internationalen Rahmenbedingungen als Lösungsebene genauer betrachtet werden
Praxis zeigt: Die Technologie funktioniert
Meine eigenen Beobachtungen in einer Fernsteuerungszentrale sowie an Bord eines entsprechend ausgerüsteten Binnenschiffes zeigen deutlich: Die Technologie funktioniert, die Abläufe sind klar definiert, und die beteiligten Schiffsführer – an Bord wie an Land – arbeiten hochprofessionell.
Ein kürzlich von mir veröffentlichter Beitrag auf der Plattform LinkedIn zu diesen Eindrücken hat eine sehr grosse Resonanz ausgelöst, sowohl innerhalb der Branche als auch über die Branche hinaus. Die zahlreichen Reaktionen zeigen, dass das Thema nicht nur technisch, sondern auch strategisch und politisch an Bedeutung gewinnt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich weniger die Frage nach der technischen Machbarkeit, sondern vielmehr nach den strukturellen Voraussetzungen für einen sicheren und nachhaltigen Betrieb der Binnenschifffahrt.

Aktivitäten der ZKR
Die aktuellen Entwicklungen werden auch von der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) intensiv begleitet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen Pilotprojekte, regulatorische Fragestellungen sowie die Definition von Kriterien für den Übergang zu weitergehenden Automatisierungsstufen. Diese Arbeiten sind zentral und notwendig.
Infrastruktur als Schlüssel zur Automatisierung – die Bahn machts vor
Gleichzeitig zeigt sich, dass eine wesentliche Grundlage noch nicht ausreichend adressiert ist: die infrastrukturellen Voraussetzungen für einen sicheren und skalierbaren Betrieb. Ein Blick auf die Geschichte und Entwicklung der Eisenbahn verdeutlicht, worauf es ankommt. Die Automatisierung ist dort nicht isoliert am Fahrzeug entwickelt, sondern als integraler Bestandteil eines Gesamtsystems entwickelt worden. Bezeichnend ist, dass diese Entwicklung auf eigener Energieversorgung, abgesicherten Kommunikationsnetzen und robusten Steuerungssystemen basiert. Diese Anlagen der Infrastruktur bilden die Voraussetzung für einen zuverlässigen und souveränen Betrieb.
Für die Binnenschifffahrt stellt sich damit eine Frage, nämlich: Wer stellt die digitale und physische Infrastruktur bereit, die für Fernsteuerung und Automatisierung erforderlich ist?

Schlüsselrolle der Schweiz
Hier kommt der Rolle der Schweiz besondere Bedeutung zu. Im Rahmen ihrer Präsidentschaft der ZKR hat sie im Bereich Innovation klare Prioritäten gesetzt. Dazu zählen u. a. die Weiterentwicklung der River Information Services (RIS) sowie das Stärken der Befähigung.
Diese beiden Elemente – Infrastruktur und Befähigung – sind miteinander verknüpft: Technische Systeme können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie auf einer robusten Infrastruktur aufbauen und von entsprechend qualifizierten Personen betrieben und überwacht werden.
Digitale Souveränität als Systemfrage
In diesem Zusammenhang ist auch der Begriff der digitalen Souveränität von zentraler Bedeutung. Der aktuelle Gastkommentar von Christoph Ebell in der NZZ vom 16. März 2026 – s. «Tribüne» auf Seite 18 – hebt hervor, dass digitale Souveränität nicht allein durch Anwendungen entsteht, sondern durch die Kontrolle über die zugrunde liegende Infrastruktur. Und genau diese Überlegung lässt sich direkt auf die Binnenschifffahrt übertragen. (LINK)
Aus Schweizer Sicht erscheint es daher sinnvoll, die laufenden regulatorischen Arbeiten um eine stärker systemorientierte Perspektive zu ergänzen. Dazu gehören:
- die Diskussion über den Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur entlang des Rheins,
- die Definition klarer Verantwortlichkeiten für Betrieb und Sicherstellung dieser Infrastruktur,
- die Weiterentwicklung von Ausbildungs- und Kompetenzprofilen im Zusammenspiel mit neuen technischen Systemen.
Der Mensch bleibt im Zentrum
Heute verfügen wir noch über ausreichend nautische Expertise, um in Störfällen ein Schiff manuell sicher zu führen. Doch der zunehmende Fachkräftemangel wirft die Frage auf, ob diese Fähigkeit künftig noch gewährleistet ist – im Speziellen dann, wenn Systeme nicht ausreichend robust sind und gleichzeitig eine schleichende Abhängigkeit von deren Funktionalität entsteht.
Fernsteuerung und Automatisierung werden sich weiterentwickeln. Entscheidend ist, dass es gelingt, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen konsequent aufzubauen.
Die technologische Entwicklung schreitet voran. Nun geht es darum, Infrastruktur und Befähigungen im Sinne der von der Schweiz gesetzten Prioritäten in der ZKR gezielt weiterzuentwickeln.
So kann der Rhein als moderner, resilienter und souveräner Verkehrskorridor von der Schweiz bis zum Meer gestärkt werden



