
Sicherheit im Hafenbahnbetrieb
23. Februar 2026
Agenda SVS 2026
25. Februar 2026Beitrag von Roland Blessinger, Mitglied Geschäftsleitung der Schweizerischen Rheinhäfen und Sachverständiger in verschiedenen Ausschüssen und Arbeitsgruppen der ZKR und CESNI.
Fernsteuerung und Automatisierung: Es geht nicht um sparen – es geht um die Zukunft unserer Branche
In meiner internationalen Tätigkeit und im engen Austausch mit der Branche begegnen mir immer häufiger zwei zentrale Zukunftsfragen der Binnenschifffahrt:
Wie behauptet sich unser Verkehrsträger gegenüber Strasse und Schiene?
Und wer bestellt die digitale Infrastruktur, ohne die Fernsteuerung und Automatisierung gar nicht erst robust und verlässlich möglich werden?
Wer heute über Fernsteuerung und Automatisierung in der Binnenschifffahrt spricht, bekommt fast reflexartig die gleiche Reaktion zu hören: Es gehe um Personalabbau. Um Einsparungen. Um weniger Menschen an Bord.
Das Gegenteil ist richtig.
Wenn wir die Diskussion weiterhin aus diesem Blickwinkel führen, haben wir bereits verloren – nicht technologisch, sondern verkehrspolitisch. Während Strasse und Schiene gefördert werden, ihre Abschreibungszyklen verkürzen und mit Hochdruck an emissionsfreien Antrieben und automatisierten Systemen arbeiten, droht die Binnenschifffahrt den Anschluss zu verlieren. Der LKW der Zukunft fährt digital vernetzt, klimaneutral und hochautomatisiert – und er wird genau dort unserer Branche zusetzen, wo heute noch unsere Stärke liegt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir mit weniger Besatzung an Bord fahren wollen. Die entscheidende Frage lautet: Wie sichern wir die Zukunft eines Verkehrsträgers, dem schon heute die nautischen Fachkräfte fehlen?
Ein System, das seine Stärken blockiert?
Die Realität ist bestens bekannt: Schiffe liegen an Umschlagstellen, während die vollständige Mindestbesatzung an Bord verbleiben muss. Zugleich ist genau diese Besatzung für die Sicherheit während der Fahrt entscheidend.
Ein System, das seine personellen Ressourcen in Wartezeiten bindet, statt sie dort einzusetzen, wo sie sicherheitsrelevant und produktiv sind, wird im Wettbewerb der Verkehrsträger strukturell benachteiligt – unabhängig davon, wie modern Schiffsmotoren, Schiffsrümpfe oder Navigationssysteme sind.
Fernsteuerung und Automatisierung liefern keine Antwort darauf, ob sich Aufwand einsparen lässt. Sie liefern eine betriebliche Antwort: Nämlich nautische Kompetenz genau da und dann verfügbar zu machen, wo sie gebraucht wird.
Die Schlüssel zur Zukunft der Rheinschifffahrt liegen an Land
Eine niederländische Studie kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Technik funktioniert, die Fernsteuerungszentralen funktionieren, die Befähigungen sind aufbaubar.
Das grösste Risiko ist die Konnektivität, eine ständige, gesicherte, robuste Netzabdeckung. Die Konsequenz ist klar:
Ohne eine belastbare digitale Infrastruktur entlang der Wasserstrassen wird es weder Fernsteuerung noch höhere Automatisierungsgrade geben, die zuverlässig funktionieren.
Genau hier muss die Diskussion politisch werden. Denn es geht nicht um ein technisches Detail, sondern um staatliche Kernaufgaben und um die Sicherung der Rahmenbedingungen für einen funktionierenden Verkehrsträger.
Es geht um:
• die Versorgungssicherheit,
• den Schutz der Bevölkerung,
• den Schutz der Umwelt,
• die Resilienz kritischer Infrastruktur in einer veränderten Sicherheitslage in Europa.
Der Aufbau einer solchen digitalen Infrastruktur ist deshalb keine Branchenaufgabe – und er kann auch von der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) allein nicht umgesetzt werden. Der politische Auftrag dazu besteht jedoch längst: Bereits 2018 haben die Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister in der Mannheimer Erklärung die Fortentwicklung von Digitalisierung und Automatisierung ausdrücklich eingefordert.
Für die Schweiz hat diese Frage eine besondere Dimension. Sie ist auf den Rhein, auf die Verlässlichkeit des Völkerrechts und auf eine funktionierende Rheinschifffahrt angewiesen. Doch was bedeutet diese Abhängigkeit in einer Zeit, in der internationale Regeln unter Druck geraten und digitale Schlüsseltechnologien, die wir für unsere Weiterentwicklung benötigen, von wenigen globalen Akteuren kontrolliert werden?
Die Branche investiert heute zu Recht in Ausbildung und Nachwuchs. Doch Ausbildung allein genügt nicht. Ebenso notwendig ist ein klares verkehrspolitisches Engagement für die infrastrukturellen Voraussetzungen der Zukunft.
Die Branche muss hier als Besteller auftreten: Sie ist es, die ihren zukünftigen Bedarf formuliert, die Anforderungen an eine resiliente digitale Infrastruktur definiert und damit den politischen Handlungsauftrag auslöst.
Es geht nicht um eine Einzelmassnahme. Es geht um die strategische Rolle und die Zukunft der gewerblichen Rheinschifffahrt.
Die grösste Stärke der Binnenschifffahrt
Etwas unterscheidet die Binnenschifffahrt unwiderlegbar von allen anderen Verkehrsträgern: Die Binnenschifffahrt ist ein autarkes System. Sie fährt auch dann, wenn Netze ausfallen, wenn digitale Systeme gestört sind, wenn an Land nichts mehr geht.
Diese Fähigkeit ist kein Relikt aus der Vergangenheit, sie ist der strategische Vorteil in einer Zeit, in der Resilienz zur Schlüsselkompetenz wird. Gerade deshalb ist das klassische nautische Können keine Konkurrenz zur Digitalisierung. Es ist ihre Grundlage.
Oder anders verdeutlicht: Die analoge Beherrschung des Schiffes macht die digitale Zukunft der Rheinschifffahrt überhaupt erst möglich. Das ist unser Vorteil gegenüber Strasse und Schiene. Und diesen Vorteil dürfen wir nicht verlieren.
Volldampf in die Zukunft
So betrachtet, sind Fernsteuerung und Automatisierung:
- eine Investition in die Attraktivität des Berufes,
- eine Stärkung der Logistikketten,
- ein Bekenntnis zum Verkehrsträger Rhein.
Die Frage ist nicht, ob die Technik kommt. Die Frage heisst vielmehr, ob wir den Mut haben, das System weiterzuentwickeln und die digitale Infrastruktur dem Rhein entlang zu realisieren. Denn eines ist sicher: Wenn Strasse und Schiene stillstehen, fährt das Rheinschiff weiter. Dafür braucht es Voraussetzungen – à toute vapeur!
EXKURS: Fernsteuerung ist ein Instrument – kein Selbstzweck
Die Pilotprojekte zur Fernsteuerung auf dem Rhein sind in zwei Phasen gegliedert: Phase 2 und Phase 3. Aktuell befinden sich alle Projekte noch in Phase 2.
Phase 2 – Heute Realität
• Fernsteuerung nur zeitweise
• vollständige Mindestbesatzung an Bord
• Schiffsführer an Bord trägt die Gesamtverantwortung
• jederzeitige Übernahme möglich
Ziel: Erfahrungen sammeln, Technik und Abläufe sicher beherrschen.
Phase 3 – Szenario E (Zielbild)
• Mindestens ein Schiffsführer an Bord
• ein gleichwertig qualifizierter Schiffsführer an Land
• geteilte Fahrzeit und klar zugeordnete Verantwortung
• während der Fernsteuerung: nautisch befähigte Person im Steuerhaus, eingriffsbereit
Für Phase 3 wesentlich
• eindeutige nautische Verantwortung
• transparente Übernahmeprozesse
• neue Qualifikationsprofile an Bord und an Land
Szenario E:
Wurde von den ZKR Mitgliedstaaten als gemeinsames Zielbild definiert.



